Mindset ändern: 6 Übungen für ein neues Denken

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Du hast verstanden, dass dein Mindset nicht in Stein gemeißelt ist. Du weißt, dass Neuroplastizität existiert und dein Gehirn formbar ist wie ein Muskel. Carol Dweck hat dir erklärt, was Fixed und Growth Mindset bedeutet. Alles super. Aber jetzt sitzt du da und fragst dich: Okay, und wie genau mache ich das jetzt praktisch?

Genau darum geht es hier. Keine Theorie mehr. Keine Motivationssprüche. Sechs konkrete Übungen, die alle wissenschaftlich fundiert sind und die du ab heute anwenden kannst. Cognitive Restructuring, Reframing, Thought Records, all das Zeug, das in der kognitiven Verhaltenstherapie seit Jahrzehnten eingesetzt wird. Nur eben auf Mindset-Arbeit übertragen.

Falls du die Grundlagen noch nicht draufhast, lies zuerst meinen Artikel zum Thema Mindset ändern. Dort erklär ich, was ein Mindset überhaupt ist und warum sich dein Gehirn überhaupt verändern kann. Hier geht es jetzt ans Eingemachte.

Das Wichtigste in Kürze

  • Mindset-Veränderung funktioniert durch regelmäßiges Training, nicht durch einmalige Erkenntnisse. Dein Gehirn braucht Wiederholung.
  • Thought Records (Gedankenprotokolle) sind die Basis. Sie machen deine automatischen Denkmuster sichtbar, bevor du sie ändern kannst.
  • Cognitive Restructuring und Reframing trainieren dein Gehirn, Situationen konstruktiver zu bewerten.
  • Robert Emmons hat gezeigt, dass Dankbarkeits-Übungen messbar das Wohlbefinden steigern. Keine Esoterik, sondern Neurowissenschaft.
  • Die Worst-Case-Analyse aus der kognitiven Verhaltenstherapie nimmt Ängsten ihre Macht, weil du siehst: Selbst der schlimmste Fall ist überlebbar.

Warum Übungen wichtiger sind als Wissen

Hier kommt eine unbequeme Wahrheit, die ich selbst lernen musste: Wissen allein ändert gar nichts. Du kannst zehn Bücher über Mindset lesen, jeden Podcast von Andrew Huberman hören und trotzdem in denselben Denkmustern feststecken. Warum? Weil dein Gehirn nicht durch Information verändert wird, sondern durch Wiederholung.

Stell dir das so vor: Deine aktuellen Denkmuster sind neuronale Autobahnen. Breit ausgebaut, gut asphaltiert, die Gedanken rasen da durch ohne Widerstand. Wenn dein Chef dich kritisiert, zack, feuert die Autobahn „Ich bin nicht gut genug“ sofort. Das passiert automatisch, in Millisekunden.

Neue Gedanken sind dagegen erstmal ein Feldweg. Holprig, ungewohnt, langsam. Dein Gehirn muss sich anstrengen, um diesen Weg zu nehmen. Es fühlt sich unnatürlich an. Falsch sogar. Aber hier kommt Neuroplastizität ins Spiel: Wenn du diesen Feldweg immer wieder benutzt, wird er breiter. Glatter. Schneller. Und irgendwann ist er selbst zur Autobahn geworden.

Donald Hebb hat das schon in den 1940er Jahren erkannt. Seine berühmte Regel: „Neurons that fire together, wire together.“ Je öfter du einen bestimmten Gedankengang aktivierst, desto stärker wird die neuronale Verbindung. Und genau das machen die folgenden Übungen. Sie sind keine Motivation, kein Feel-Good-Gedöns. Sie sind Gehirntraining.

Wichtig zu verstehen: Mindset-Arbeit ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Forschung zeigt, dass neue Gewohnheiten im Schnitt 66 Tage brauchen, um automatisch zu werden. Bei tief verankerten Denkmustern kann es länger dauern. Erwarte keine Wunder nach einer Woche. Aber wenn du dranbleibst, wirst du nach einigen Wochen rückblickend staunen, wie viel sich verändert hat.

Die 6 besten Übungen, um dein Mindset zu ändern

Übung 1: Das Gedankenprotokoll (Thought Record)

Bevor du dein Denken ändern kannst, musst du es erstmal sehen. Und das ist schwieriger als du denkst. Denn deine Gedanken fühlen sich nicht wie Gedanken an. Sie fühlen sich wie Realität an. „Ich bin nicht gut genug“ fühlt sich nicht wie eine Meinung an. Es fühlt sich wie eine unverrückbare Tatsache an.

Das Gedankenprotokoll stammt aus der kognitiven Verhaltenstherapie (CBT) und ist seit Jahrzehnten einer der wichtigsten Tools in der Psychotherapie. Aaron Beck hat diese Technik entwickelt, als er in den 1960er Jahren die kognitive Therapie begründete. Die Idee: Zwischen einem Ereignis und deiner emotionalen Reaktion sitzt immer ein Gedanke. Meistens ein automatischer Gedanke, der so schnell abläuft, dass du ihn gar nicht bewusst wahrnimmst.

So funktioniert die Übung: Immer wenn du eine starke negative Emotion spürst (Ärger, Angst, Frustration, Scham), hältst du kurz inne und notierst drei Dinge. Erstens die Situation: Was ist gerade passiert? Zweitens den Gedanken: Was ging dir durch den Kopf? Und drittens die Emotion: Was fühlst du, und wie intensiv auf einer Skala von 1 bis 10?

Mach das konsequent für zwei Wochen. Nicht länger nachdenken, einfach notieren. Am Ende der Woche schaust du dir deine Notizen an. Und ich garantiere dir, du wirst Muster sehen. Wiederkehrende Gedanken, die sich bei verschiedenen Situationen zeigen. Vielleicht merkst du, dass „Ich bin nicht gut genug“ bei der Arbeit genauso auftaucht wie in Beziehungen. Das sind deine Denkmuster. Das ist der Startpunkt für alles Weitere.

Praktischer Tipp: Nutze die Notizen-App auf deinem Handy oder ein kleines Notizbuch. Der Schlüssel ist, dass du es sofort griffbereit hast, wenn die Emotion auftaucht. Je mehr Zeit zwischen Emotion und Notieren vergeht, desto mehr vergisst du. Ideal sind maximal 30 Minuten.

Übung 2: Die Reframing-Challenge (Cognitive Restructuring)

Reframing ist einer der Kernprozesse in der kognitiven Verhaltenstherapie. Der Begriff kommt aus dem Englischen und bedeutet wörtlich „einen neuen Rahmen geben“. Du nimmst dieselbe Situation und setzt sie in einen anderen Kontext. Dieselben Fakten, andere Interpretation.

Albert Ellis, einer der Pioniere der kognitiven Therapie, hat das in seinem ABC-Modell beschrieben. A steht für das aktivierende Ereignis, B für deine Beliefs (Überzeugungen), und C für die Consequence (emotionale Reaktion). Die meisten Menschen denken, A verursacht direkt C. Mein Chef kritisiert mich, also fühle ich mich schlecht. Aber Ellis zeigte: Zwischen A und C sitzt immer B. Nicht die Kritik macht dich fertig, sondern deine Interpretation der Kritik.

Und hier wird es spannend: Du kannst B ändern. Das ist Reframing.

So geht die Übung: Nimm dir jeden Abend eine Situation vor, die dich tagsüber genervt oder gestresst hat. Schreib sie auf. Notiere deinen automatischen Gedanken dazu. Und dann findest du drei alternative Interpretationen. Nicht rosarot, nicht Bullshit-Positiv. Realistisch, aber konstruktiver.

Beispiel: Dein Chef kritisiert dein Projekt. Automatischer Gedanke: „Er mag mich nicht. Ich bin nicht kompetent genug für diesen Job.“ Jetzt kommst du zum Reframing. Alternative eins: „Er hat hohe Standards und traut mir zu, dass ich das besser kann.“ Alternative zwei: „Diese Kritik gibt mir konkrete Punkte, an denen ich arbeiten kann.“ Alternative drei: „Die Kritik bezieht sich auf das Projekt, nicht auf mich als Person.“

Der entscheidende Punkt ist nicht, dass eine dieser Alternativen „die Wahrheit“ ist. Der Punkt ist, dass dein automatischer Gedanke auch nicht „die Wahrheit“ ist. Es ist nur eine mögliche Interpretation unter vielen. Und du hast die Wahl, welche du fütterst.

Übung 3: Das Growth Mindset Tagebuch

Diese Übung basiert direkt auf der Forschung von Carol Dweck, der Stanford-Professorin, die das Konzept Fixed vs. Growth Mindset populär gemacht hat. Sie ist perfekt für alle, die sich ständig an Ergebnissen messen und bei Misserfolgen zusammenklappen.

Der Kern: Jeden Abend beantwortest du drei Fragen. Was habe ich heute gelernt? Wo habe ich mich heute angestrengt, auch wenn es schwer war? Und welchen Fehler habe ich gemacht, und was nehme ich daraus mit?

Das verschiebt deinen Fokus fundamental. Weg vom Ergebnis (Habe ich gewonnen oder verloren?), hin zum Prozess (Habe ich mich entwickelt?). Du trainierst dein Gehirn, Anstrengung und Lernen wertzuschätzen, nicht nur Erfolge. Und du normalisierst Fehler. Wenn du jeden Tag einen Fehler notierst, wird Scheitern zu etwas Alltäglichem. Zu etwas, das dazugehört. Nicht zu etwas, das deinen Wert als Mensch bedroht.

Dwecks Forschung zeigt, dass Menschen mit einem Growth Mindset Herausforderungen nicht als Bedrohung sehen, sondern als Chance zum Wachsen. Sie geben nicht auf, wenn es schwer wird. Sie sehen Anstrengung nicht als Zeichen von Schwäche, sondern als Weg zur Meisterschaft. Dieses Tagebuch trainiert genau diese Haltung.

Bonus für Eltern: Wenn du mit Kindern zusammenlebst, mach das gemeinsam am Abendbrottisch. Die Forschung von Dweck zeigt, dass allein diese Fragen das Mindset von Kindern nachhaltig beeinflussen. Frag nicht mehr „Hattest du heute gute Noten?“, sondern „Was hast du heute gelernt?“

Übung 4: Der Perspektivenwechsel (Perspective Taking)

Wir stecken alle in unserer eigenen Perspektive fest. Und das engt unser Denken massiv ein. Psychologen nennen das „egocentric bias“. Du siehst die Welt nur durch deine eigene Brille und merkst es nicht mal. Der Perspektivenwechsel ist eine Übung, um da rauszukommen.

Die Technik stammt unter anderem aus der sokratischen Methode, die in der kognitiven Therapie eingesetzt wird. Du stellst dir vor, du wärst jemand anderes, jemand, den du respektierst und der ein konstruktives Mindset hat. Das kann ein Mentor sein, ein erfolgreicher Unternehmer, ein weiser Freund, oder auch eine fiktive Figur. Was würde diese Person in deiner Situation denken? Wie würde sie die Lage einschätzen? Welchen Rat würde sie dir geben?

Klingt vielleicht erstmal albern, aber neuropsychologisch passiert dabei etwas Spannendes: Du aktivierst andere neuronale Netzwerke. Du löst dich aus deinem festgefahrenen Denkmuster. Und oft kommt dabei eine Perspektive raus, die du selbst nie in Betracht gezogen hättest.

Eine Variante, die besonders gut funktioniert: Stell dir vor, du schaust in zehn Jahren auf die aktuelle Situation zurück. Wie würde dein zehn Jahre älteres Ich das Ganze sehen? Diese „temporal distancing“ Technik nutzt die Erkenntnis, dass wir mit zeitlichem Abstand oft viel klarer sehen.

Praktisches Beispiel: Du hast dich bei einer Präsentation blamiert. Automatischer Gedanke: „Alle denken jetzt, ich bin inkompetent. Meine Karriere ist ruiniert.“ Perspektivenwechsel: Was würde dein 50-jähriges Ich dazu sagen? Wahrscheinlich sowas wie: „Die Präsentation? Welche Präsentation? Daran erinnert sich kein Mensch mehr.“

Übung 5: Die Worst-Case-Best-Case-Most-Likely-Case-Analyse

Diese Übung ist pures Gold, wenn dich Ängste und Sorgen blockieren. Sie stammt aus der kognitiven Verhaltenstherapie und wird dort bei Angststörungen eingesetzt. Aber sie funktioniert genauso gut bei alltäglichen Befürchtungen.

Das Problem mit Ängsten: Sie sind meistens vage. Du hast ein diffuses Gefühl von „Das wird schlimm“, aber du gehst nie konkret durch, was genau passieren könnte. Dein Gehirn füllt diese Unklarheit mit worst-case Fantasien auf, und du fühlst dich entsprechend mies.

Die Übung bringt Klarheit. Du nimmst dir eine Situation, vor der du Angst hast, und beantwortest drei Fragen. Was ist der Worst Case, das absolut schlimmste, das passieren könnte? Was ist der Best Case, das beste realistische Ergebnis? Und was ist der Most Likely Case, was wird wahrscheinlich wirklich passieren?

Beim Worst Case gehst du noch einen entscheidenden Schritt weiter: Was würde ich dann tun? Wie würde ich damit umgehen? Meistens merkst du dabei, dass selbst der schlimmste Fall überlebbar wäre. Dass du damit klarkommen würdest. Das nimmt der Angst ihre Macht.

Beispiel: Du hast ein wichtiges Vorstellungsgespräch. Worst Case: Du verhaspelst dich komplett, sie lachen dich aus, du bekommst den Job nicht. Und dann? Dann bewirbst du dich woanders. Dein Leben geht weiter. Best Case: Du rockst das Gespräch und bekommst das Jobangebot am selben Tag. Most Likely Case: Das Gespräch läuft okay, du bist etwas nervös, aber machst einen soliden Eindruck. Die entscheiden sich für jemand anderen oder für dich, beides ist möglich.

Plötzlich ist die diffuse Angst einer konkreten Einschätzung gewichen. Und konkrete Probleme lassen sich lösen.

Übung 6: Das Dankbarkeits-Ritual (Gratitude Practice)

Ich weiß, ich weiß. Dankbarkeit klingt nach Kalenderspruch und Instagram-Coaching. Aber bevor du abschaltest: Die Forschung dahinter ist brutal solide. Robert Emmons von der UC Davis hat dutzende Studien durchgeführt und messbare Effekte auf Wohlbefinden, Schlafqualität und sogar körperliche Gesundheit nachgewiesen.

Hier ist die Neurowissenschaft dahinter: Dein Gehirn hat einen eingebauten Negativitäts-Bias. Es achtet stärker auf Bedrohungen und Probleme als auf Positives. Evolutionär sinnvoll (der Säbelzahntiger war wichtiger als der schöne Sonnenuntergang), aber heute macht es uns chronisch unzufrieden. Wir fokussieren automatisch auf das, was fehlt und falsch ist.

Dankbarkeitsübungen sind das Gegenmittel. Sie trainieren dein Gehirn aktiv, das Positive wahrzunehmen. Nicht weil du dir was einredest, sondern weil du buchstäblich neue neuronale Bahnen anlegst.

Die Übung ist simpel: Jeden Abend notierst du drei konkrete Dinge, für die du an diesem Tag dankbar bist. Wichtig: Nicht abstrakt („meine Gesundheit“), sondern konkret („das Gespräch mit meinem Kollegen heute Mittag, bei dem er mir einen guten Tipp gegeben hat“). Und bei jedem Punkt hältst du kurz inne und spürst die Dankbarkeit wirklich. Nicht nur aufschreiben und abhaken.

Das Ritual dauert keine drei Minuten. Aber Emmons‘ Forschung zeigt: Nach wenigen Wochen berichten Teilnehmer von mehr positiven Emotionen, besserem Schlaf und höherer Lebenszufriedenheit. Nicht weil sich ihr Leben geändert hat, sondern weil sich ihr Fokus verschoben hat.

Profi-Tipp zur Reihenfolge: Starte mit dem Gedankenprotokoll (Übung 1) für zwei Wochen, um deine Muster zu erkennen. Dann füge die Reframing-Challenge (Übung 2) hinzu. Als tägliche Routine eignen sich das Growth Mindset Tagebuch (Übung 3) oder das Dankbarkeits-Ritual (Übung 6) am besten, weil sie nur 3-5 Minuten dauern und leicht zur Gewohnheit werden.

Wie du die Übungen in deinen Alltag integrierst

Sechs Übungen sind viel. Und du sollst auch nicht alle gleichzeitig machen. Das wäre Overkill, du würdest dich verzetteln und nach einer Woche frustriert aufgeben. Stattdessen empfehle ich dir: Start mit einer einzigen. Mach die konsequent für zwei bis drei Wochen. Bis sie sich anfängt, natürlich anzufühlen. Dann fügst du die nächste hinzu.

Meine persönliche Empfehlung für die Reihenfolge: Starte mit dem Gedankenprotokoll, um erstmal Bewusstsein für deine automatischen Gedanken zu schaffen. Das ist die Basis für alles. Dann kommt die Reframing-Challenge, um alternative Perspektiven zu trainieren. Danach das Growth Mindset Tagebuch oder das Dankbarkeits-Ritual als tägliche Abendroutine. Den Perspektivenwechsel und die Worst-Case-Analyse holst du dazu, wenn du sie brauchst, also wenn du merkst, dass du in einer bestimmten Situation feststeckst.

Der beste Zeitpunkt für die meisten Übungen ist abends. Der Tag ist noch frisch im Gedächtnis, aber du hast schon etwas Abstand. Der Trick, um wirklich dranzubleiben: Bau die Übung an etwas, das du sowieso jeden Tag tust. Nach dem Abendessen, beim Zähneputzen, vor dem Einschlafen. Diese „Habit Stacking“-Technik, die James Clear in „Atomic Habits“ beschreibt, macht es viel leichter, neue Gewohnheiten zu etablieren.

Noch ein wichtiger Punkt: Erwarte nicht, dass sich die Übungen von Anfang an gut anfühlen. Sie werden sich erstmal unnatürlich anfühlen, gezwungen, vielleicht sogar albern. Das ist normal. Erinnerst du dich an die Feldwege und Autobahnen? Du baust gerade neue Wege. Das braucht Zeit und fühlt sich erstmal holprig an.

Der häufigste Fehler: Die meisten Menschen machen eine Übung drei Tage lang, sehen keine Wunder und geben auf. Oder sie vergessen einen Tag und denken „Jetzt ist es eh egal“. Beides ist dein altes Fixed Mindset, das dich sabotiert. Ein Growth Mindset sagt: Rückschläge gehören dazu. Morgen mache ich einfach weiter.

Die Wissenschaft hinter den Übungen

Falls du zu den Typen gehörst, die gerne wissen wollen, warum etwas funktioniert: Hier ist der wissenschaftliche Hintergrund kompakt zusammengefasst.

Aaron Beck entwickelte in den 1960er Jahren die kognitive Therapie und zeigte, dass unsere Emotionen nicht direkt von Ereignissen ausgelöst werden, sondern von unserer Interpretation dieser Ereignisse. Das Gedankenprotokoll und Reframing basieren direkt auf seinen Erkenntnissen.

Carol Dweck prägte die Begriffe Fixed und Growth Mindset und zeigte in Jahrzehnten der Forschung, dass unsere Überzeugungen über die Veränderbarkeit unserer Fähigkeiten massiven Einfluss auf Motivation, Resilienz und Erfolg haben. Das Growth Mindset Tagebuch setzt ihre Forschung in die Praxis um.

Robert Emmons und Michael McCullough zeigten in kontrollierten Studien, dass regelmäßige Dankbarkeitsübungen zu messbaren Verbesserungen bei Wohlbefinden, Schlaf und körperlicher Gesundheit führen. Die Effekte sind so robust, dass Gratitude Practice mittlerweile Teil vieler therapeutischer Programme ist.

Und über allem schwebt das Konzept der Neuroplastizität: Die Erkenntnis, dass unser Gehirn sich lebenslang verändert und anpasst. Jede dieser Übungen nutzt diese Fähigkeit, um neue neuronale Verbindungen aufzubauen und alte, dysfunktionale Muster zu schwächen.

Häufige Fragen zu Mindset-Übungen

Wie lange muss ich die Übungen machen, bis ich Ergebnisse sehe?

Kurze Antwort: Länger als dir lieb ist. Die Forschung zeigt, dass neue Gewohnheiten im Schnitt 66 Tage brauchen, um automatisch zu werden. Das kommt aus einer Studie von Philippa Lally am University College London. Bei Denkmustern, die du seit Jahren hast, kann es noch länger dauern. Plan mit mindestens zwei bis drei Monaten konsequenter Übung, bevor du wirklich tiefgreifende Veränderungen spürst. Aber die ersten kleinen Shifts, Momente wo du merkst „Hey, normalerweise hätte ich anders reagiert“, kommen oft schon nach ein bis zwei Wochen.

Was mache ich, wenn ich einen Tag vergesse?

Passiert. Ist menschlich. Und kein Grund aufzugeben. Das Growth Mindset, das du dir antrainieren willst, sagt ja genau das: Rückschläge sind Teil des Prozesses. Der Fehler wäre, nach einem verpassten Tag komplett aufzuhören. Einfach am nächsten Tag weitermachen. Keine Selbstvorwürfe, kein Drama. Jeder Tag ist eine neue Chance.

Funktionieren die Übungen auch ohne Aufschreiben?

Theoretisch ja, praktisch deutlich schlechter. Das Aufschreiben zwingt dich, deine Gedanken konkret zu formulieren. Im Kopf bleiben sie oft vage und verschwommen. Du denkst, du hast reflektiert, aber in Wahrheit hast du nur das gleiche Problem im Kreis gedreht. Außerdem schaffst du eine Aufzeichnung, die du später anschauen kannst. Das ist enorm wertvoll, um Muster zu erkennen und Fortschritte zu sehen. Nach ein paar Wochen zurückblättern und sehen, wie du früher gedacht hast, ist oft ein richtiger Aha-Moment.

Kann ich auch eine App für die Übungen nutzen?

Klar. Es gibt diverse Apps für Dankbarkeitstagebücher und Gedankenprotokolle. Wenn das für dich funktioniert, go for it. Manche Leute bevorzugen aber klassisch Stift und Papier, weil es sich bewusster anfühlt und weniger ablenkt. Kein Smartphone-Notification, kein „Ich check nur kurz meine Mails“. Probier beides aus und bleib bei dem, was für dich funktioniert. Das beste Tool ist das, das du tatsächlich benutzt.

Was ist, wenn ich bei einer Übung keine Fortschritte sehe?

Drei Dinge. Erstens: Gib ihr genug Zeit. Mindestens vier Wochen konsequent, bevor du aufgibst. Zweitens: Mindset-Veränderung ist oft subtil. Du merkst es nicht am Tag selbst, aber nach Wochen blickst du zurück und siehst den Unterschied. Frag auch mal Menschen in deinem Umfeld, ob sie was merken. Drittens: Nicht jede Methode funktioniert für jeden gleich gut. Wenn eine Übung wirklich nicht zu dir passt, wechsel zu einer anderen. Die Reframing-Challenge liegt dir nicht? Dann konzentrier dich aufs Dankbarkeits-Ritual. Wichtig ist, dass du überhaupt etwas machst.

Kann ich mit den Übungen auch tiefere psychische Probleme lösen?

Diese Übungen sind Selbsthilfe-Tools für Menschen, die an ihrem Mindset arbeiten wollen. Sie basieren auf Techniken aus der kognitiven Verhaltenstherapie, aber sie ersetzen keine Therapie. Wenn du unter Depressionen, Angststörungen oder anderen psychischen Erkrankungen leidest, such dir professionelle Unterstützung. Die Übungen können ergänzend helfen, aber sie sind kein Ersatz für fachliche Behandlung. Es ist keine Schwäche, sich Hilfe zu holen. Es ist Growth Mindset in Aktion.

Dein nächster Schritt

Du hast jetzt sechs konkrete Übungen mit wissenschaftlicher Fundierung. Du weißt, warum sie funktionieren und wie du sie in deinen Alltag integrierst. Die Frage ist nicht mehr „Was soll ich tun?“, sondern „Fange ich an?“

Such dir eine Übung aus. Eine einzige. Meine Empfehlung für die meisten Leute: Starte mit dem Gedankenprotokoll. Es schafft Bewusstsein und zeigt dir, wo du überhaupt ansetzen musst. Mach es heute Abend zum ersten Mal. Nicht morgen, nicht „wenn ich Zeit habe“, nicht nächste Woche. Heute.

Dein Gehirn hat Jahrzehnte damit verbracht, deine aktuellen Denkmuster aufzubauen. Die werden nicht über Nacht verschwinden. Aber mit jeder Übung, jedem Reframing, jedem notierten Gedanken legst du neue neuronale Bahnen an. Kleine Feldwege heute, Autobahnen morgen.

Fang an.

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